Gummistiefel

Ein Gummistiefel ist nicht bloß eine Plastikschuh. Ein Gummistiefel ist ein Teil, an dem unendlich viele Erinnerungen hängen können. Bei zahllosen Erlebnissen steckten meine beiden Füße in diesen bunten Plastikschuhe. Zeit, um mal einen kurzen Blick auf das kinderfreundliche Schuhwerk zu werfen.

Ich erinnere mich, als ich ein Kind war, verfügte praktisch jede Familie über eine Sammlung Gummistefeln in allen erforderlichen Kindergrößen. Das gehörte zur Grundausstattung. Die Stiefel unterschieden sich damals wenig voneinander. Nur manche verfügten über einen textilen Beinabschluss, durch den man das Eindringen von Wasser von oben verhindern wollte. Aber meistens war das Teil abgerissen oder es fehlte die erforderliche Kordel, um den Bund zu schließen. Damit war das Ding nutzlos. Der normale Gummistiefel verzichtete von vornherein auf diese unpraktikable Finesse. Ich trug eine Gummistiefel genauso zu Shorts, wie zu Strumpfhose und Kleidchen und gerne auch zum Schlafanzug. Es störte mich nicht, wenn ich beim schnellen Stiefelschlüpfen den rechten mit dem linken Schuh vertauschte und so die Stiefel nach außen, statt nach innen schielten. Ich war verliebt in meine Gummistiefel und manchmal ließ ich sie sogar heimlich im Bett an. Aber es war nicht diese Art von Verliebtheit, wie ich sie bei den kleinen Mädchen heute beobachte, deren Gummistiefel bunt sind, wie eine Tüte Gemischtes, niedliche Froschaugen haben oder in deren transparentem Material tausend kleine Glitzersterchen schweben. Kein Wunder, dass diese Mädchen sich von Pfützen fern halten. Aber so waren unsere Gummistefel damals nicht. Sie waren rot, gelb, aber meistens grün. Sie glänzten nur, wenn sie neu waren. Aber das waren sie nicht! Ich war wohl eher verliebt darin, wie ich mit ihnen durch den Tag stapfen konnte, so gänzlich unerschrocken.

Gummistiefel sind einfach an- und auszuziehen. Das war früher so. Das ist heute so. Und sie sind absolut wasserdicht ist. Nicht nur von außen!

Ich bin mit Gummistiefeln in tiefe Pfützen gesprungen und in reißende Bäche gestiegen. Fühlt es sich nicht wundervoll schwerfällig an, wenn man mit den Schuhen tief im Wasser steht, keine nassen Füße bekommt, obwohl man das Wasser fließt fühlt und dann langsam, Schritt für Schritt damit die Strömung teilt? Durch den Druck, der von außen auf dem Schaft lastete, wurde mein Stiefel schwer und träge, wie einen Frosch im Quark. Sobald jedoch der Stiefelschacht unter die Wasseroberfläche geriet, stürzte das Wasser von oben in den Schuh. Der Druck war weg. Dafür waren die Füße nass. Wenn ich dann aus dem Wasser stieg, befand sich der Bach plötzlich im Schuh, wo ich ihn nach Hause tragen konnte. Glucker, glucker, quietsch, quatsch.

Bist du schon mal mit Gummistiefeln über einen nassen Acker gerannt? Vollspeed? Wenn nicht, solltest du das unbedingt nachholen. Mit jedem Schritt werden die Stiefel schwerer, die Matschklumpen dicker, bis der Schuh vom Gewicht der nassen Erde verlangsamt mit deinem Tempo nicht mehr mithalten kann, du in vollem Schwung aus dem Stiefelschacht gleitest und mit der Socke ungebremst im Matsch landest. Hinter dir im Dreck steckt der bunte Plastikschuh, als wäre er gerade aus dem Boden gesprießt. Sind die tonnenschweren Treter dann nach Hause gebracht, schlägt man sie mit solcher Wucht gegeneinander, dass die Matschklumpen sich aus den tiefen Rillen des Profils lösen. Das reicht an Schuhpflege für den Gummistiefel. Doch Vorsicht vor der wütenden Hausfrau, wenn der Matschregen gegen die frisch geputzten Fensterscheiben flatscht!

Aber der Gummistiefel kann noch mehr. Für uns Kinder war es wichtig, mindestens über zwei Paar einigermaßen passende Gummistiefel zu verfügen, denn eines davon blieb dauerhaft an die verstellbaren Rollschuhen geschnallt, damit man nur hinein schlüpfen brauchte, wenn auf der Straße zur Rollschuhralley gerufen wurde. Die Rollschuhe damals bestanden aus einer

längenverstellbaren zweiteiligen Metallplatte, die mit Schraubenmuttern zusammengehalten wurde und vier darunter befindlichen klappernden Rädern. Das ganze Objekt wurde am Schuh wie eine Sandale festgeschnallt, doch das entscheidende Loch im Lederriemen war immer ausgerissen. Ich behalf mir mit Einmachgummis. Ich will am Rande erwähnen: es ist nicht empfehlenswert die Rollschuhe direkt an die bloßen Füße zu schnallen. Ich balancierte mit den acht abgenutzten Rollen unter mir, Schritt für Schritt die Sandsteinstufen vor unserem Haus hinunter, der Krebsgang hatte sich dabei bewährt und krallte mich am schmiedeeisernen Geländer fest, um nicht auf dem Hintern zu landen. Nicht selten löste sich der Rollschuh dabei von der Schuhspitze und klappt herunter, wie das Maul der Krokodilpuppe vom Kasperletheater. „Das ist so schwachsinnig, dass du die nicht unten anziehst“, stellte mein Bruder genervt fest, als ich ihm den Weg am Geländer nicht frei machen wollte. Als die ersten Mädchen mit Discorollern herangeglitten kamen, war die Zeit der Gummistiefel-Rollschuhe bald vorbei.

Ich trug auch an jenem Tag Gummistiefel, als ich herausfand, dass ich mit meinem Fahrrad einen kompletten Kreis auf der Straße vor unserem Haus beschreiben konnte. Ich fragte mit, ob ich es auch mit geschlossene Augen hinbekommen würde, ohne auf den Rasen zu kommen. Beinahe hätte ich es geschafft, wenn nicht diese Oma meinen Kreis durchquert hätte. Wir kamen alle zu Fall. Die Dame, die Fahrräder, die beiden Gummistiefel und ich. In dem Moment fiel mir auf, dass meine großen Geschwister nie mit geschlossenen Augen Fahrrad führen und vermutlich gab es dafür einen Grund.

Es ist ein Irrtum zu glauben, Gummistiefel waren gestern so wie heute. Während heute Gummistiefel mit mit dem Namen des Trägers beschriftet werden, schienen die Gummistiefel von damals keinen feste Eigentümer zu haben. Sie wechselten regelmäßig den Besitzer. Und das gehörte mit zum Gummistiefelprinzip. Wenn meine Freundin ohne Gummistiefel zu uns kam, wir spontan zum Neckar runter gingen und verhungernde Entenbabys retteten, nahm sie einfach ein Paar Gummistiefel aus unserem Haus. Bei einbrechender Dunkelheit eilte sie damit zum Abendessen. Und schon wanderten unsere Stiefel in ihren Schrank. Genauso lief das auch, wenn ich bei ihr war. Da sie schon immer die größeren Füße von uns beiden hatte, wurden die Gummistiefel nicht linear, sondern stufenförmig durchgetauscht. Im Grunde wusste längst niemand mehr, welcher Gummistiefel zu welcher Heimatgarderobe gehörte. Noch dazu, weil sie ohnehin gleich aussahen. Aber das war auch nicht wichtig, denn der Gummistiefel verfügte zu jener Zeit noch über eine besondere Gabe: er konnte eigenständig den Standort wechseln. Egal wo man seine Stiefel abends fallen ließ, am nächsten Morgen standen die farbigen Plastikfreunde wieder im Gummistiefelregal auf der halben Kellertreppe. Zu schade, dass heutige Gummistiefel diese Fähigkeit gänzlich verloren haben.

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Kommentare: 1
  • #1

    Oceanrocker (Freitag, 22 Juli 2016 16:45)

    Diesen Text von einer Frau zu lesen erstaunt mich sehr, sind es doch in der Regel die Herren der Schöpfung, die sich eher diesem fantastischen Schuhwerk eher verbunden fühlen. Und? Wie sieht es heute aus? Alles Geschichte, oder noch brandaktuell? Hmm?