Artikel mit dem Tag "eigene"



13. September 2016
Es ist Juli, halb neun Uhr morgens und die Temperaturen knapp unter dreißig Grad. Im Physiksaal ist es mucksmäuschenstill. In der vorderen Reihe ist schon jemand wach und lauscht Herr Wielands Ausführungen davon, was die Welt im Inneren zusammenhält. Der Typ rechts daneben blättert unter dem Tisch in einer Modellbauzeitschrift. Segelschiffe. Dreimaster. Ein Mädchen in der Fensterreihe malt bunte Kringel in ihren Schülerkalender. Herr Wieland hat einen Versuch aufgebaut. Eine elektrische...

13. Mai 2016
Es war kein Rotwein. Es war Kir Royal, der mir meinen ersten Schwips verpasste. Und es war 1984, die Zeit von Nena, Karottenhosen und Stufenschnitt. Meine Freundin Jotz wurde konfirmiert und ich war eingeladen, obwohl ich katholisch war. Aber das spielte 1984 keine Rolle.

05. Mai 2016
Es gibt Wesen, mit denen teile ich gerne mein Schlafzimmer: meine Kinder, besondere Freunde, die nach einem Glas Rotwein spontan über Nacht bleiben, Sandmänner, Elfen, Feen, Hausspinnen und mein Ehemann. Und es gibt Wesen, mit denen vermeide ich es nach Möglichkeit, mein Schlafzimmer zu teilen: Spitzmäuse mit ihrem beißenden Geruch, der mich glauben lässt, ein Puma hause unter meinem Bett, Stechfliegen und andere Blutsauger. Und Dobermänner. Zu jedem Zeitpunkt meines Lebens hätte ich...

13. April 2016
Sage mir, Muse, die Taten der tausendhändigen Frau, Welche so viel geirrt, auf der Suche nach sich, Viele Arten Berufe gelernt und Arbeit getan, Und in der Stadt der drei Könige so viele Häuser bewohnt, Auch in der Stadt mit der schwebenden Bahn, Ihre Berufung zu finden und Familie zu gründen. Aber die Freude rettet sie nicht, wie eifrig sie strebte, Denn sie bereitete selbst durch Grübeln die Pein: Närrin! Welche die Herrschaft der hohen Vernunft Anbetete! Siehe, das Herz zeigte ihr...

07. April 2016
Was hat Gilgamesch mit Analysis zu tun und in welcher Verbindung steht Bertold Brecht mit den Winkelfunktionen Tangens und Cosinus? Diese Frage beantwortete sich mir an einem Tag im Mai 1989 auf wunderliche Weise, obwohl ich sie nicht gestellt hatte. Bertold Brecht stellte hierbei die geringste Überraschung dar, denn es war der Tag meiner mündlichen Abiturprüfung im Fach Deutsch. Ich war vorbereitet, hatte mein Kurzzeitgedächtnis noch mal mit literarischem Wissen vollgeballert und erreichte...

31. März 2016
Urlaub für immer! Was für ein Traum! Campingplatz statt Reihenhaus, Weitblick statt Lesebrille, Freiheit statt Bausparvertrag. Einmal ein Leben führen, wie meine Freundinnen! So wie Pia. Sie lebt in einem Wohnmobil, zitronengelb mit Solarpanel und Wimpelkette am Rückfenster. Oder so wie Leonie. Sie hat das Leben auf dem Bauwagenplatz eingetauscht gegen die Sesshaftigkeit, aber ihr umgebauter Paketwagen steht immer abfahrbereit vor der Haustür, oder wie Ronja. Ronja rollt, wann immer es ihr...

22. März 2016
„Wo darf ich sitzen?“, frage ich Florence mit meinem stockenden Französisch, stehe verlegen im Flur herum. Klappernde Teller, dampfende Schüsseln und Töpfe mit duftendem Inhalt schweben an mir vorbei Richtung Esstisch. Helfen strengstens untersagt, denn ich bin der Gast hier, flöten die beiden eifrigen Damen des Hauses. In dem Augenblick weiß ich noch nicht, dass es für mich die Hölle sein wird, in diesem südfranzösischen Reihenhaus den Status eines Gastes inne zu haben, in einem...

18. März 2016
„Zum Abendessen bist du zu Hause“, erinnert mich meine Mutter, als ich eilig in die Schuhe schlüpfe, raus, nur raus will, spielen mit anderen Kindern, die endlich mit ihren Hausaufgaben fertig sind und schon auf der Straße lachen; zum Abendessen zu Hause sein, die einzige Regel, die wir beachten sollen, keine Fahrradhelme, keine Schuhe, die nicht naß werden dürfen, keine ermahnenden Worte, haltet euch von ungezogenen Kindern, streunenden Hunden oder gefährlichen Stellen am Ufer fern,...

10. März 2016
Vermutlich ist mein Opa der Grund dafür, dass ich Chinesin bin. Er ist Chemiker und er kann alle Sprachen. Papa sagt, Opa ist einer wie Karl Valentin von der Schallplatte, und darum sagt er Kemie und Kina. Mama kennt die Platte auswendig und sie lacht jedesmal an den gleichen Stellen, so dass die Gläser in den Schränken klirren. Über Opa lacht sie nicht. Sie sagt „Daddy“ wenn sie über ihn spricht, das ist englisch und Opa versteht, was es heißt. Opa hat ein Fußpilzmittel erfunden,...

01. März 2016
„Ruf den Gundel an!“, rate ich Sandra, als ihr Telefon faucht und knackt. „Der bringt das Ding in Ordnung. Außerdem ist er der schönste Mann im Haus.“ Wir kichern ein bisschen. Dann ruft sie ihn an. Der Gundel kommt und ich staune, wie Recht ich hatte. Der Gundel ist wirklich der schönste Mann im Haus. Er ist groß, der Gundel. Nicht wie ein Türrahmen, eher wie eine Leuchturm. Er taucht unter, krabbelt auf dem Boden entlang, zieht ein Kabel unter unseren Schreibtischen hindurch. Wir...

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