In meinem Blog findest du Texte, die während des Schreibprozesses "Autobiografische Miniaturen- Interviews zwischen Schwestern" entstehen. Bei diesem Projekt lasse ich mich von einem Stichwort inspirieren, welches meine Schwester Ina aus dem vorherigen Text auswählt. Dann telefonieren wir, reden über das gewählte Stichwort und lassen die Gedanken in alle Richtungen schweifen: alle Assoziationen, alle Ideen und Erinnerungen dürfen ungehemmt heraussprudeln. Der kreative Prozess ist in Gang gesetzt. Jetzt ist es nur noch eine Frage er Zeit, bis  in den nächsten Tagen die Idee zur nächsten Miniatur  an die Oberfläche geschwemmt wird. Jetzt heißt es nur noch: aufschreiben, überarbeiten, fertig! Und hier kannst du die letzten Texte lesen.


Das hätte ich wissen müssen

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Kopfüber

Unsere Sommer fingen an den Tagen an, an dem das Freibad seine Pforten öffnete, unsere Sommer und damit ein großes Stück Leben, Jahr für Jahr.

 

An jenen Tagen warteten meine Freundin und ich schon ungeduldig vor dem Gitter, das uns den ganzen Winter von unserem schönsten Zeitvertreib getrennt hatte wie der Fluss die Königskinder. Wir warteten auf die Bademeisterin, darauf dass sie sich mit dem klimpernden Schlüsselbund näherte und endlich aufschloss. Wir wollten unbedingt die ersten sein, die in das frisch eingelassene Wasser tauchten. Das Tor ächzte wie die Räder einer alten Dampflock nach all den kalten Monaten, an dem seine Scharniere nicht bewegt wurden.

 

„Eine Jahreskarte bitte.“

Ich schob mein Passbild und das abgezählte Geld durch den Schlitz im Schiebefensterchen und hielt kurz danach schon die Karte in der Hand, die das Glück versprach. Jetzt lag ein ganzer langer Sommer vor uns, ein Sommer, in dem alles möglich war. Wir rannten über die Wiese, auf der es sich die Enten während des Winters bequem gemacht hatten und nun irritiert davon watschelten. Weg mit den kratzigen Wollpullovern, raus aus den dicken Schuhen! Wir legten unsere Kleiderschichten ab, wie Schlangen ihre alten Häute und die Winterstarre wich aus unseren Gliedern. Dann stürzten wir uns gleichzeitig vom Startblock kopfüber in das frühsommerliche Nass, meine Freundin und ich, während der Bademeister noch die letzten Mülltonnen reparierte, Steinplatten von Moos befreiten und Duschköpfe justierte.

 

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Das ist doch kein Zufall

In einem Hochhaus zu wohnen, das muss toll sein! Dahinter ein Stück gepflegter Rasen mit Schaukel und Sandkasten. Und das ganze Haus voll Familien mit Kindern. Jederzeit wäre jemand da zum Spielen. Und dazu einen Haustürschlüssel, klein, silbern und mit vielen Zacken: modern und komfortable. Davon habe ich als Kind geträumt.

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Meine vier Buchstaben

"Jetzt setz dich auf deine vier Buchstaben!", hörte ich meine Mutter wettern, wenn ich beim Essen nicht still sitzen blieb. Diesen Spruch hat sie bereits verwendet, als ich des Schreibens noch nicht mächtig war. Ich wusste genau, dass sie damit nichts Anderes sagen wollte, als "Setz dich jetzt hin, verdammt noch mal!" Und manchmal sagte sie es auch genauso. Trotzdem brachte sie mich mit diesem Buchstaben-Spruch zum Grübeln. Wie sollte ich mich auf meine Buchstaben setzen? Ich konnte sie ja weder entziffern noch schreiben? Waren die Buchstaben, auf die ich mich setzen sollte an meinem Hintern verortet oder auf der Sitzfläche, auf die ich den selbigen platzieren sollte? Und wozu sollte es dienen, auf Buchstaben zu sitzen?

 

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Sichtkontakt

Die Eltern waren Wandern gegangen. Wir Kinder waren im Ferienheim geblieben, uns selbst überlassen; in der späten Hippiezeit nichts Außergewöhnliches. Es war ihr Glück, dass die Eltern unterwegs waren, denn heute war kein gewöhnlicher Tag auf dem Fehrenbacherhof. Der Tag eines furchtbaren Verbrechens war gekommen.

 

Während wir uns so ganz ohne Aufsicht in der Sonne langweilten, rollte ein sandfarbener PKW auf den Hof. Ein Opel mit Stufenheck in der Farbe von ungebackenen Pizzateig. Kein Vater fuhr so einen Wagen. Tobias hatte den Eindringling als erster entdeckt und Tobias hatte als erster gewusst: mit dem stimmt etwas nicht.

 

Er trommelte alle Kinder zusammen und erläuterte uns im Speisesaal den Ernst der Lage: Ein Verbrecher hatte sich auf unsere Gelände gewagt um hier oben einen blutrüstigen Mord vorzubereiten, soviel stand fest.

 

„Wir müssen handeln“, entschied Tobias und zeichnete mit schwungvoller Hand einen Lageplan auf eine Bahn Computerpapier. Da ich mich zu jener Zeit mit Mördern nicht besonders gut auskannte, war ich froh, dass wenigesten einer wusste, was in einem solchen Fall zu tun war. Tobias wies jedem seine Position zu. Alle hörten auf sein Kommando, schließlich ging es darum, ein schlimmes Verbrechen zu verhindern.

 

Die mustigsten Kinder shen sich den Mann aus der Nähe an, entschied Tobias. Alle anderen, also die, die noch nicht zur Schule gingen, verteilten sich auf sichere Beobachtungsposten und wurden davon in Kenntnis gesetzt, dass ihre Aufgabe von höchster Wichtigkeit für die Operation sei. Ich wusste nicht, was ein Mörder und eine Operation miteinander zu tun hatten, aber ich wusste, dass ich jetzt keine dummen Fragen stellen durfte und bezog meinen Posten unter dem Dach.

 

Hier oben herrschte eine Hitze wie im stinkenden Schlund eines Feuer speienden Drachens. Die Angst hämmerte von innen gegen meinen Brustkorb, als wollte sie ihn auseinandersprengen und auf- und davonlaufen. Aber hier gab es kein Entkommen. Ich starrte auf das beigefarbene Auto auf dem Hof unterhalb des Giebelfensters. Keine Sekunde würde ich es aus den Augen lassen. Das hatte ich Tobias versprochen.

 

 

 

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