In meinem Blog findest du Texte, die während des Schreibprozesses "Autobiografische Miniaturen- Interviews zwischen Schwestern" entstehen. Bei diesem Projekt lasse ich mich von einem Stichwort inspirieren, welches meine Schwester Ina aus dem vorherigen Text auswählt. Dann telefonieren wir, reden über das gewählte Stichwort und lassen die Gedanken in alle Richtungen schweifen: alle Assoziationen, alle Ideen und Erinnerungen dürfen ungehemmt heraussprudeln. Der kreative Prozess ist in Gang gesetzt. Jetzt ist es nur noch eine Frage er Zeit, bis  in den nächsten Tagen die Idee zur nächsten Miniatur  an die Oberfläche geschwemmt wird. Jetzt heißt es nur noch: aufschreiben, überarbeiten, fertig! Und hier kannst du die letzten Texte lesen.


Außenbordmotor

Auf dem Neckar fahren Schiffe, beladen mit Kies und Sand. Von meinem Zimmerfenster kann ich sie sehen. Die Schiffsmotoren blubbern, wie wenn ich in der Badewanne unter Wasser die Luft aus meinen dicken Backen blase. An den Schiffhecks ragen Stangen schräg in den Himmel, Fahnen flattern daran: Deutschland, Schweiz, Holland, Frankreich. Masten ragen auch aus dem braunen Wasser hervor. Rote und weiße. Sind keine Fahnen mehr dran. Alles

untergegangene Schiffe. Wie viele mögen dabei ertrunken sein? Vielleicht auch die Mutter des merkwürdigen Jungen, der manchmal da ist. Die Mutter meiner Freundin sagt dann, wir sollen mit ihm spielen. Er kommt aus Mannheim, aus dem Schifferheim, sagt sie. Wir fürchten ihn, weil er keine Haare und keine Wimpern hat, immer eine Kappe trägt. Kein Wunder, dass seine Haare nicht nachwachsen mit der Mütze. Kommt ja keine Luft dran. Wir sollen ihn nicht blöd finden, weil er anders ist und er kann ja nichts dafür. Aber er weiß nicht mal, wie man Brennball spielt und Cricket. Darum finden wir ihn doch blöd, sagen es aber keinem. Später erfahren wir, dass er dabei war, wie einer seine Mutter erschossen hat. Da hat er über Nacht alle Haare abgeworfen, wie eine Eidechse ihren Schwanz. Seit wir wissen, dass seine Mutter doch nicht im Neckar mit ihrem Schiff untergegangen ist, lassen wir ihn mitspielen. Monster, Folter und Geheimagenten, das ist es, was er mag. Mit seiner erschossenen Mutter ist er genauso unheimlich wie die Masten im Fluss. An den Tagen, wenn er nicht da ist, machen wir alle Sachen, die nicht gut sind für ihn, wegen seiner Mutter, zum Beispiel Paddeln.

 

Mit einem Blasebalg pumpen wir dann das orangefarbene Schlauchboot auf. Wir wollen Entenküken vor dem Ertrinken retten. Wir tragen das Boot die Straße runter zum Neckar. In der Mitte schleift es auf dem Asphalt, weil es so durchhängt. Wir müssen es bis über den Kopf stemmen, damit die Straße kein Loch reinscheuert. Der Boden unter unseren Füßen ist warm und rau. Der Weg zum Wasser runter ist pieksig, kleine spitze Steinchen. Wir rennen trotzdem. Wir schieben an der Sandbank das Boot so weit ins Wasser, bis unserer Knie nass sind, dann steigen wir ein, meine Freundin und ich und paddeln los, von einem Gebüsch zum nächsten. Die Enten gründeln im Schilf. Aber ohne Küken. Vielleicht ertrinken die Entenküken heute auf der neckarhäuser Seite, überlegen wir. Wir müssen einmal quer über den Fluss, um dorthin zu kommen, zwischen den Schiffen durch.

„Los!“, ruft meine Freundin! „Außenbordmotor!“

Ich hänge mich bis zum Bauchnabel hinten aus dem Boot. Wir passen den besten Moment ab. Dann schaufelt meine Freundin mit aller Kraft die Paddel durch das Wasser und ich sorge mit starkem Beinschlag für Vortrieb. Zwischen zwei Lastkähnen hindurch,rudern wir ans andere Ufer. Der eine Kahn heißt„Elvira“, liegt bis zur Reling im Wasser, hupt zweimal, als wir die Fahrrinne kreuzen. Ich glaube, Elvira geht als nächste unter, weil das Wasser schon über den Rand flutet. Wir lassen uns auf Elviras Wellen ans andere Ufer schaukeln, umkurven die Fahnenmasten. Ich muss an all die Schiffe am Grund unter uns denken und ziehe mich ins Boot zurück. Ich will nicht mit den Füßen an eines dieser untergegangenen Schiffe stoßen. Meine Freundin sagt, die Stangen markieren die Fahrrinne, sind gar keine Schiffe. Ich glaube, dass sie sich täuscht.

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Fast so schön wie Klassenfahrt

Zehn Jahre war ich alt, auf dem Kopf den familientypischen Topfschnitt in Form eines Motorradhelms, Pulli, Hose, Schuhe in dezenten Erdtönen. Ich war weit entfernt von Eitelkeit, noch weiter entfernt davon, einer Geige Musik zu entlocken. Seinerzeit wurde ich durch mein Leben getrieben, wie eine Gummiente auf dem Ozean, willenlos und ausgeliefert. Meine Eltern hielten das für den richtigen Zeitpunkt, um mich an einer Musikfreizeit anzumelden. Ich ahnte nicht, dass ich gegen mein Schicksal Widerspruch hätte einlegen können. Also fuhr meine Mutter mit mir nach Freiburg und gab mich an der Jugendherberge ab. Da stand ich nun, glotzte durch die dicken Gläser meiner großen Brille, Reisetasche und Geigenkoffer fest umklammert und wartete darauf, dass was mit mir passierte. Seit Jahren schwärmten meine Geschwister von diesen Freizeiten, von denen sie voller Erlebnisse zurückkamen. Osterferien ohne Musikfreizeit? Für die beiden undenkbar. Und jetzt sollte auch ich diese tolle Erfahrung machen. Aber es wurde fürchterlich! Ich war überfordert: musikalisch und menschlich. Ich wusste nicht, was ich mit den ganzen Vorzeichen auf meinem Notenblatt anstellen sollte, konnte die kreisenden Armbewegungen des Dirigenten nicht deuten, kämpfte mit Bogen und Kinnstütze.  Nie und nimmer hätte ich jemanden gefragt: „Hallo, wie heißt du? Ich heiße Vera. Ist da neben dir noch frei?“ Und offensichtlich lud mein verstörter Gesichtsausdruck auch niemanden dazu ein, mich anzusprechen. Ich saß am letzten Pult der dritten Geige und eilte verzweifelt den Notenköpfen hinterher. In den Pausen schaute ich beim ausgelassenen Tischtennisrundlauf der anderen Teilnehmerinnen aus sicherer Entfernung zu. Es war nicht so, dass ich nicht gerne mitgespielt hätte, aber ich wusste nicht, wie ich mich sichtbar machen konnte. Dass ich mich nicht früher abholen ließ, lag nur daran, dass ich mich nicht traute zu fragen, wo es ein Telefon gab. Am bunten Abend stellte ich mich tot. Ich hatte mit niemandem etwas vorbereite.

 

"Mach doch irgendwas!“, sagte einer der Leiter, als das Programm in vollem Gange war. Stocksteif saß ich auf meinem Stuhl und wartete, bis er seinen Versuch, mir gut zuzureden, aufgab. Endlich holte mich meine Mutter ab. „Na, wie war´s?“, fragte sie. „Gut!“, sagte ich, außerstande das Gefühlschaos in meinem System zu interpretieren und war froh, als wir im Bus zum Bahnhof saßen. „Wie hießen denn die Mädchen in deinem Zimmer.“, fragte Mama weiter. Ich hatte keine Ahnung. 

 

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Das hätte ich wissen müssen

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Kopfüber

Unsere Sommer fingen an den Tagen an, an dem das Freibad seine Pforten öffnete, unsere Sommer und damit ein großes Stück Leben, Jahr für Jahr.

 

An jenen Tagen warteten meine Freundin und ich schon ungeduldig vor dem Gitter, das uns den ganzen Winter von unserem schönsten Zeitvertreib getrennt hatte wie der Fluss die Königskinder. Wir warteten auf die Bademeisterin, darauf dass sie sich mit dem klimpernden Schlüsselbund näherte und endlich aufschloss. Wir wollten unbedingt die ersten sein, die in das frisch eingelassene Wasser tauchten. Das Tor ächzte wie die Räder einer alten Dampflock nach all den kalten Monaten, an dem seine Scharniere nicht bewegt wurden.

 

„Eine Jahreskarte bitte.“

Ich schob mein Passbild und das abgezählte Geld durch den Schlitz im Schiebefensterchen und hielt kurz danach schon die Karte in der Hand, die das Glück versprach. Jetzt lag ein ganzer langer Sommer vor uns, ein Sommer, in dem alles möglich war. Wir rannten über die Wiese, auf der es sich die Enten während des Winters bequem gemacht hatten und nun irritiert davon watschelten. Weg mit den kratzigen Wollpullovern, raus aus den dicken Schuhen! Wir legten unsere Kleiderschichten ab, wie Schlangen ihre alten Häute und die Winterstarre wich aus unseren Gliedern. Dann stürzten wir uns gleichzeitig vom Startblock kopfüber in das frühsommerliche Nass, meine Freundin und ich, während der Bademeister noch die letzten Mülltonnen reparierte, Steinplatten von Moos befreiten und Duschköpfe justierte.

 

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Das ist doch kein Zufall

In einem Hochhaus zu wohnen, das muss toll sein! Dahinter ein Stück gepflegter Rasen mit Schaukel und Sandkasten. Und das ganze Haus voll Familien mit Kindern. Jederzeit wäre jemand da zum Spielen. Und dazu einen Haustürschlüssel, klein, silbern und mit vielen Zacken: modern und komfortable. Davon habe ich als Kind geträumt.

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