· 

Der Scharfe Blick

„So viel Besuch! Um die Zeit!“, schimpft Frau Gottlieb, schlurft schnaufend über den Gang und knallt die Tür. Ich halte den Atem an bis von der Alten nichts mehr zu hören ist. Wie ein Dieb schleiche ich von meinem Schlafzimmer rüber in die Küche. Im Flur hängt modriger Geruch. Frau Gottlieb zieht ihn hinter sich her, wie ein lahmender Hund sein Bein. Es riecht nach Mottenkugeln und kaltem Essen.

 

Wer sollte mich hier besuchen? Bin gerade nach Köln gezogen! Kenne keinen in der Stadt! Für Frau Gottlieb reichen die aufgereihten Schuhpaare im Gang als Beweis, dass ich Tag und Nacht unsittliche Orgien feiere und alle Gäste tragen Schuhgröße 37.

 

Nussbaumerstrasse 45. 1991. Gründerzeithäuser, Stuck an den Decken, schwere Holztüren und in den Treppenhäusern Böden aus Terrazzo. Ungewöhnlich

edel für Köln. Fast wie zu Hause in Heidelberg, wo ich gerade herkomme. Vor dem Krieg soll das hier überall mal so schön gewesen sein. Riesige Kastanien spenden teuren Autos Schatten, die Nachbarn sind steinreich oder steinalt, selten beides. Nicht das typische Viertel für eine erste Wohnung. Nicht die typische Wohnung für ein junges Mädchen. Frau Gottlieb und ich teilen uns eine. Unsaniert. Flatsharing. Ich

hatte mir die große Freiheit anders vorgestellt, und Frau Gottlieb sich ihren Lebensabend. Ihre Rente reicht nur für die halbe Wohnung. Also wird die andere

Hälfte vermietet, bis Frau Gottlieb nicht mehr ist. Ist sie unter der Erde, wird alles neu gemacht und teuer verkauft. So wie nebenan, oben drüber und so wie im Erdgeschoß. Bis es soweit ist, ärgert sich die Alte über fremde Leute und fremde Schuhe und fürchtet sich bei jedem Gang über den Flur davor, Punks mit Sicherheitsnadeln in der Wange und Hippies mit Filzläusen zu begegnen. Frau Gottlieb huscht durch ihr Zuhause wie ein Gespenst auf der Flucht vor dem Tageslicht. Ich weiß nicht, ob sie jemals kapiert hat, dass ich ihre einzige Mitbewohnerin bin und für Orgien fehlen mir die Freunde.

Ich bewohne zwei Zimmer rechts und die Küche links vom Flur. Um von einem Raum in den anderen zu kommen, überquere ich geteiltes Gebiet. Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu, um eine Tee zu holen, einen Stift von nebenan, einen Pulli wenn es kühl wird. Frau Gottlieb passiert meine Türen, um in ihren

Teil der Wohnung zu kommen. Die vordere Hälfte des Gangs habe ich mit modernem, silbrigem PVC-Boden belegt. Jetzt höre ich ihr Schlurfen noch lauter, als wenn sie über Teppich schlappt. In der zweiten Flurhälfte, Frau Gottliebs rettendem Ufer auf dem Weg durch fremdes Terrain, liegt fleckige Auslegware, alt wie Frau Gottlieb und braun wie ihre Kleider. Hier führt eine schmutzig weiße Tür in Frau Gottliebs Zuhause. Keine Ahnung, wie viele Zimmer sich dahinter verbergen. Frau Gottlieb öffnet ihre Tür erst einen

Spalt und späht hinaus, bevor sie den Flur überquert, wie der Fährmann das

reißende Gewässer. Steht eine meiner Türen offen oder befinde ich mich selbst zwischen meinen Zimmern, knallt sie die Tür sofort wieder zu mit einem Nachdruck, der keinen Zweifel daran lässt, dass sie diese Situation unzumutbar findet. Wenn mir Eilen und Schleichen zu viel wird, provoziere ich ein Zusammentreffen spreche die Alte direkt an, wenn sie mit ihren Einkaufstüten mitten im Flur steht oder von der Toilette kommt, mir nicht entrinnen kann, wünsche ihr einen schönen Tag oder erkundige mich nach ihrer Gesundheit. Wie verwandelt fängt dann Frau Gottlieb an zu plaudern, schimpft über andere Hausbewohner, das Wetter, die Umstände in der Welt. Minuten später keift sie wieder hinter ihrer Tür, was ich für ein Ärgernis in ihrem friedlichen Leben darstelle.

Täglich bekommt Frau Gottlieb Besuch von ihrer erwachsenen Kindern, die ebenfalls die Farbe der Auslegware haben. Die Tochter trägt einen genauso

teppichbraunen Hund auf dem Arm und ist immer in Eile. Tiefe Furchen

durchschneiden ihr Gesicht. Der Sohn ist morgens launisch, mittags betrunken

und abends sternhagelvoll. Eines Tages wohnt er auch hinter der Tür, benutzt das gemeinsame Klo, spült aber nicht. Dann tut Frau Gottlieb auf der anderen Seite meiner Zimmerwand ihren letzten Atemzug. Männer in Schwarz tragen den Sarg erst über den Teppich, dann über den PVC. Frau Gottliebs emsige graue Tochter teilt mir mit, ich brauche mir keine Sorgen zu machen, man werde mich nicht aus der Wohnung werfen. Ihr Sohn werde den Mietvertrag seiner Mutter übernehmen und ich könne bleiben. In der Nacht schrecke ich hoch. „Was für eine Scheiße!“, lallt eine raue Männerstimme. Schritte straucheln über den PVC, dann über den Teppich. Die Tür fällt geräuschvoll ins Schloss. Am nächsten Morgen ziehe ich aus.