Der Geruch von Waschmittel - Anleitung zum sachgerechten Aufhängen von Wäsche

Waschen Sie ihre Textilien laut Pflegeanleitung. Entnehmen Sie dann die noch feuchten, jetzt wohlriechenden Wäschestücke aus der Maschine, legen Sie diese in einen tragbaren Wäschekorb und begeben Sie sich damit zur Leine auf dem Dachboden, der im Garten befindlichen Wäschespinne oder einem Trockengestell in einem gut beheizbaren Wohnraum mit ausreichend Frischluftzufuhr. Die Trockenvorrichtung sollte den üblichen Sicherheitsstandards entsprechen, damit sich keine Textilien daran verletzen können und es zu entzündlichen Löchern oder eitrigen Laufmaschen kommt.

 

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Der wiedergefundene Freund

Ich manövriere die Familienkarre in die letzte Parklücke, schäle mich nach langer Fahrt aus der Jogginghose, schlüpfe in das schwarze Kostüm und steige aus. Vor der Trauerhalle stehen Menschen, einzeln und in Grüppchen. Schwarz gekleidet. Und moosgrün. Ich schaue mich um, suche nach bekannten Gesichtern, nach denen, die  versprochen hatten zu kommen. Haben uns seit Jahrzehnten nicht gesehen. Lange. Zu lange. Mehr als ewig. Werden wir uns erkennen? Ich stecke mir ein zweites Taschentuch in die Hosentasche. Wer weiß.

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Nichts Besseres auf der Welt

Es gibt Nichts Besseres auf der Welt als einen erklommenen Berg. Es gibt nicht Besseres auf der Welt als eine reife Feige, die noch am Baum aufplatzt. Es gibt nichts Besseres als ein Sonnenstrahl am Morgen, der unerwartet durch den Rolloschlitz bricht und auch nichts Besseres als einen wiedergefundenen Freund. Es gibt nichts Besseres auf der Welt, als sich zu biegen vor Lachen, als die Zeit zu vergessen, als ein volles Konto oder ein richtig scharfes Currygericht. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als die glänzende Oberfläche eines Konzertflügels, in dem sich der Dirigent spiegelt, wie er den Taktstock hebt. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als den im letzten Moment erreichten Bus und das tiefe Rot eines Kirchenfensters. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als der Geruch von feuchtem Pappellaub. Ja, wirklich! Es gibt nichts Besseres als den Traum von einer Reise in ein fernes Land mit kompliziertem Namen, als eine spannende Geschichte, die einen vom Einschlafen abhält oder als eine riesiege Tasse goldenen Jasmintees. Es gibt Nichts Besseres auf der Welt als ein tosender Wasserfall und frisch geschnittene Fingernägel, ein großes P und ein kleines y.

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Der Nachbar

Mein Opa heißt Daddy, der kann chinesisch und schnarcht beim Mittagsschlaf, und ich habe einen zweiten Opa, der wohnt in der Schweiz und darum nennen wir ihn den Schweizer Opa. Ich war noch nie in der Schweiz und kenne den Schweizer Opa nicht. Er hat mal ein Paket geschickt mit Schokolade und Spielsachen und hat versprochen, dass er herkommt und uns besucht. Die Spielsachen in dem Paket waren aus Plastik. Wir haben sie ausgepackt, gestaunt und sie danach nie wieder in die Hand genommen. Die Schokolade war schwarz und so bitter, wie Brikett. Mir tun die Kinder leid, die das essen müssen. Papa sagt, es sei eine Delikatesse. Es muss schrecklich sein in der Schweiz.

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Warmes Blut

Sie war allein zu Hause, als es mit ihr zu Ende ging. Allein mit dem Baby. Seit der Geburt der Kleinen war in ihrem Leben nichts mehr wie vorher. Sie war übermüdet. Ihre Augen brannten von den durchwachten Nächten und vom Weinen. Unangekündigt brach es aus ihr heraus und verwandelten einen sonnigen Tag in eine graue, diffuse Masse. Schlaf und Wach waren nicht mehr an ihrem Platz, der Hunger kam, wann er wollte und ging in einen brennenden Durst über, ließ sich nicht löschen, nicht mit Wasser, nicht mit Stilltee oder milchförderndem Malzbier. Ihr war kalt, dann wieder lief ihr der Schweiß den Rücken hinunter, wie einem Maschinist im Motorraum eines Frachtschiffes. Ungefragt glotzte der verschwenderische Garten durch das Fenster hinein, aufdringlich das Rot der Gladiolen, schreiend das Gelb der Lilien, bis sie die Vorhänge zuzog.

 

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Leerlauf

„Maamaaaa, was soll ich maaachen?“ Wenn das meine Kinder rufen, dann höre ich meine eigene Stimme, höre, wie ich selbst als kleines Mädchen gerufen habe, wenn mich Langeweile und Lustlosigkeit gepeinigt hat. Jemand sollte mich aus meiner Trübsal befreite, mich unterhalten und dafür sorgen, dass ich mich nicht länger auf dem Boden herumwälzen musste, wie ein Straßenköter in den Hinterlassenschaften seiner Mitvierbeiner.  

 

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Stottern

Mein Sohn ist davon überzeugt, dass er bereits jetzt, mit neun Jahren, besser einparken kann als ich. Schließlich übt er es auf Papas Handy per App. Und schalten und steuern kann er auch schon. Ich hatte in seinem Alter keinen blassen Schimmer davon, wie man ein Fahrzeug fortbewegt, mal abgesehen von Puppenwagen, Rollbrettern und Fahrrädern. Autofahren bedeutet für mich: ich saß zwischen meinen Geschwistern eingezwängt auf der Rückbank und wurde, ja nach Kurvenrichtung, mal gegen den einen, mal gegen den anderen geworfen, angemault und zurückgeschubst. Ich beneidete Martin und Eva darum, dass sie ihre Nasen an den kalten Scheiben plattdrücken konnten, während ich nur zwischen den Schultern meiner Eltern hindurch durch die Frontscheibe starren konnte. Wann würden die Scheibenwischer endlich diese eine Stelle erreichen, die sie immer aussparten, fragte ich mich bei jedem Regen.

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Hereingeplatzt

Es ist Juli, halb neun Uhr morgens und die Temperaturen knapp unter dreißig Grad. Im Physiksaal ist es mucksmäuschenstill. In der vorderen Reihe ist schon jemand wach und lauscht Herr Wielands Ausführungen davon, was die Welt im Inneren zusammenhält. Der Typ rechts daneben blättert unter dem Tisch in einer Modellbauzeitschrift. Segelschiffe. Dreimaster. Ein Mädchen in der Fensterreihe malt bunte Kringel in ihren Schülerkalender. Herr Wieland hat einen Versuch aufgebaut. Eine elektrische Töpferscheibe surrt leise und stottert bei jeder dritten Umdrehung, als kündigte sie ihr baldiges Ende an. Ein Tonklumpen trudelt um sich selbst und verformt sich zu einem namenlosen Gebilde, zieht sich in die Breite, eiert und fällt zu Boden. Hinter Wielands verwildertem Bart steigert sich die Begeisterung über die Phänomene der Naturgesetze. Er lacht über das Zusammenspiel von Schwer- und Fliehkraft und kratzt referierend mit einem verbogenen Esslöffel den Ton vom Boden. Vorne wird milde mitgelacht. In den hinteren Bankreihen wird geschlafen. Wielands spinnenlangen Finger tasten sich durch das Gewirr seiner struppigen Gesichtsbehaarung und bekratzen die Haut an seinem Kinn. Kopf und Hände ragen aus einem weinroten Pulli. Echte Schafswolle. Schuppen rieseln auf das Pult vor ihm. Wieland kritzelt Zahlen und Buchstaben mit kreischender Kreide an die Tafel, die in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Tonklumpen stehen sollen. Ein Gemisch aus Deo, Zigaretten und den Ausdünstungen Heranwachsender diffundiert durch die müden Körper der Schüler.

 

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Kokett

„Die können mich ja sehen!“, stellte ich voller Überraschung fest, als mich das Mädchen neben mir am Ende der ersten Schulwoche fragte, wie ich heiße. Was für ein Schreck!

„Die können mich nicht nur sehen, die haben auch eine Meinung darüber, ob ihnen gefällt, was sie sehen!“, erweiterte ich meine Erfahrung ein paar Jahre später. Das war zu der Zeit, als mein Spiegelbild anfing, mich so komisch anzugucken, so als habe es mich vorher noch nie gesehen, sich über mich lustig machte und mir androhte, mir die Freundschaft aufzukündigen, wenn ich nicht ein bisschen mehr aus mir machte.

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Anführerin

Drehfertig machen!“, tönt es durch das Headset direkt in mein Gehirn. Leichter gesagt, als getan, wenn keiner auf die Setaufnahmeleiterin hört. „Verstanden!“, gebe ich zurück. Es knackt und raschelt im Funk, piepen, dann Stille. Jetzt ist es an mir, das Team aus dem Wartemodus wieder ans Arbeiten zu kriegen. Ich stecke den Kopf in das Maskenmobil, um Darsteller Pierre ans Set zu bitten. Wie immer, komme ich gerade ungelegen. Die Maskenbildnerin scheucht mich davon, wie eine lästige Stechmücke. Ihre Hände schweben über Pierres Haupt, seine Augen sind geschlossen. Es riecht nach Patchuli. Seit der letzten Szene hat sich die Maskenbildnerin vom schmolllippigen Babydoll auf ein Goa-Blumenmädchen mit Klebe-Bindie zwischen den Augen umgestylt. „Nicht jetzt!“, zischt sie mich an. Ich ziehe die Tür leise zu. „Pierre kommt!“, funke ich zurück und vernehme, wie hinter der Tür eine Klangschale angeschlagen wird.

 

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Der Geruch von Waschmittel - Anleitung zum sachgerechten Aufhängen von Wäsche

Waschen Sie ihre Textilien laut Pflegeanleitung. Entnehmen Sie dann die noch feuchten, jetzt wohlriechenden Wäschestücke aus der Maschine, legen Sie diese in einen tragbaren Wäschekorb und begeben Sie sich damit zur Leine auf dem Dachboden, der im Garten befindlichen Wäschespinne oder einem Trockengestell in einem gut beheizbaren Wohnraum mit ausreichend Frischluftzufuhr. Die Trockenvorrichtung sollte den üblichen Sicherheitsstandards entsprechen, damit sich keine Textilien daran verletzen können und es zu entzündlichen Löchern oder eitrigen Laufmaschen kommt.

 

Unterschätzt Sie nicht die Sensibilität ihrer Kleidungsstücke. Seien Sie sich der Folgen des nicht hingebungsvoll durchgeführten Aufhängevorgangs bewusst. Überlassen Sie beim Hängen der Wäsche nichts dem Zufall, sondern gehen Sie aus Liebe zum Kleid mit System und Sorgfalt vor. Das garantiert Ordnung und Harmonie im Kleiderschrank und damit Wohlbefinden im häuslichen Ambiente. Lassen Sie das Sprichwort „Die Familie wird krank, herrscht keine Ordnung im Schrank“ nicht Wirklichkeit werden.

 

 

Achten Sie darauf, jedes Kleidungsstück auszuschlagen, bevor Sie es aufhängen. Dabei ist darauf zu achten, zerbrechliche Gegenstände und kleine Kinder aus dem Schlagradius zu entfernen. Sollte doch mal ein Kleinkind ein widerspenstiges Hosenbein ins Gesicht bekommen, so nehmen Sie das Kind in ruhiger Manier zur Seite und erklären ihm, dass es später, wenn es groß ist, die Zusammenhänge der Ereignisse verstehen wird, ähnlich, wie sich ihm die Notwendigkeit Logarithmen zu berechnen, erst mit dem Erwachsenenalter erschließt. Dann setzen Sie Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit unbeirrt fort.

 

Beginnen Sie mit Ihren Lieblingsstücken und den Textilen, die das erste Mal den Waschvorgang durchleben. Wer neu am Reck hängt, fühlt sich oft unsicher und orientierungslos. Das wird jede Frau, die in ihrem vorherigen Leben als Socke, Nierenwärmer oder Strumpfhalter auf der Erde war, aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Lieblingsstücke dienen der emotionalen Unterstützung der Neuzugänge und stehen hilfreich zur Seite, wenn sich unerwartet eine Klammer löst und der Absturz droht. Platzieren Sie die oben genannten Hemden, Blusen und Beinkleider in der vorderen Reihe Ihres Wäscheständers oder am schönsten Platz der Leine. So haben Sie diese immer im Blick und können sich Ihrer Pracht erfreuen.

 

Dann wenden Sie sich dem restlichen Inhalt Ihres Korbes zu. Handelt es sich dabei um Socken, sind diese paarweise aufzuhängen, damit es nicht zu Streitigkeiten kommt. Achten Sie auf eine Sortierung nach dem Träger der selbigen Fußbekleidung und auf eine Einordnung nach Farben. Bitte orientieren Sie sich dabei im ersteren Fall an der Geographie der Zimmer ihres Hauses und im zweiten Fall an der Farbenfolge des Regenbogens oder dem Goetheschen Farbenkreis. Sehen Sie unbedingt zu, dass keine Socke allein bleibt, weil diese bei Vereinsamung leicht zu Lochbildung im Fersenbereich neigt.

 

Befinden sich Schlüpfer und Hemdchen, sowie andere Miederware in ihrem Korb, so achten Sie darauf, männliche und weibliche Exemplare auf weit voneinander entfernten Abschnitte ihrer Wäschetrockenvorrichtung zu platzieren und deren Sichtkontakt zu verhindern, um unerwünschten Begegnungen vorzubeugen. Leider muss die unerfahrene Hausfrau oft erleben, dass solcherlei Wäschestücke triebgesteuert handeln und es nach unsachgemäßer Trocknung im Schubladenbereich zu erheblichen Zwischenfällen kommt, die die heilige Nachtruhe stören. Beugen Sie diesem Ärgernis frühzeitig vor.

 

Unliebsame Kleidungsstücke entsorgen Sie bitte umgehend oder hängen Sie diese so auf, dass sie das Auge nicht stören, andere nicht zu Unfug anstiften und keinen Schimmel ansetzen.

 

Wir möchten nicht verpassen, darauf hinzuweisen, dass mit täglicher Übung das Aufhängen von Wäsche zu höchster Meisterschaft gebracht werden kann, was der Hausfrau sehnlichestes Ansinnen sein sollte. Die Textilen werden es Ihnen danken.

 

Weiter Informationen zum Thema entnehmen Sie bitte der Fachzeitschrift „Der Waschturm“, der von ehrenamtlichen Hausfrauen auch in Ihrer Stadt verteilt wird.

 

Hausfrau, wasch auf!

Hochachtungsvoll,

 Die obere Textilbehörde.

Der wiedergefundene Freund

Ich manövriere die Familienkarre in die letzte Parklücke, schäle mich nach langer Fahrt aus der Jogginghose, schlüpfe in das schwarze Kostüm und steige aus. Vor der Trauerhalle stehen Menschen, einzeln und in Grüppchen. Schwarz gekleidet. Und moosgrün. Ich schaue mich um, suche nach bekannten Gesichtern, nach denen, die  versprochen hatten zu kommen. Haben uns seit Jahrzehnten nicht gesehen. Lange. Zu lange. Mehr als ewig. Werden wir uns erkennen? Ich stecke mir ein zweites Taschentuch in die Hosentasche. Wer weiß.

Am wippenden Gang erkenne ich den einen, einen am bedächtigen Kopfnicken, am widerborstigen Haarwirbel, am Geruch von Waschmittel mit Bergamotte, an der brüchigen Stimme erkenne ich einen. Das Leben verscheucht Vertrautes nicht. Wir kennen uns. Es ist dieses Kennen, das nicht zweifelt, nicht scheut und kneift, es ist dieses Kennen, das einfach da ist, wie der Mittwoch nach dem Dienstag, der Dienstag nach dem Montag. Die Förster tragen Sonntagsstaat. Nehmen ihre Hüte ab, bevor sie die Kapelle betreten. Wir umschlingen einander, weinen uns in die Hemdkragen, küssen Wangen, Stirne, blicken in Augen, in deren Tiefe wir uns nicht fürchten, weil wir darin schon so oft umhergewandelt sind, früher. Nur die Augenumrandungen sind gealtert. Wir teilen den Schmerz unter uns auf, jeder nimmt, soviel er tragen kann, dann gehen wir hinein, nutzen die letzten freien Plätze, verstreut, vereinzelt, vermischt und überspannen die Trauergemeinde mit einer Netz, das alles schützt, was da herausbrechen will. Wir sind gekommen, um alte Freunde durch den Schmerz zu tragen.

 

 

„Sitzt du?“, hat mich J am Handy gefragt. Nein, ich stehe am Herd. Koche für meine Kinder. „Es ist was passiert.“ An S hatte ich nicht gedacht. Sie ist doch noch ein Kind. Kleiner als ich. Gewesen. In dem Alter stirbt man nicht...

Hat sich erschossen.

Dienstgewehr.

Im Auto.

Erster Parkplatz außerhalb ihres Reviers.

Ein Fremder sollte sie finden.

Ein Fremder hat sie gefunden.

„Samstag ist die Beisetzung.“

Die Vergangenheit steigt in mir auf, wie die Kohlensäure im Glas, streicht an den Innenwänden meinen Arme entlang, blubbert tief in meinen Gelenken, schießt durch meine Fußgewölbe. Ich breche auf, wie ein Granatapfel und die Erinnerungen triefen  aus mir heraus.

„Ich werde da sein.“

Kinder, Kinder, Kinder in jedem Alter, ein paar Jugendliche, Väter, Mütter, manchmal eine Tante oder ein Großvater, jeden Sommer haben wir die Ferien miteinander verbracht. Wir waren die Sommerkinder. Wir hatten unsere eigenen Regeln, bezogen unsere Betten in gemischten Schlafsälen, sangen unter der Dusche, plünderten nachts die Speisekammer, spielten Räuber und Gendarm im Wald und schliefen nur, wenn wir müde waren. Alljährlich prallten hier Erziehungsmodelle aufeinander: autoritär, antiautoritär, verzweifelt, engstirnig, freigeistig, haltlos, zerbarsten aneinander, wie Wellen an einer Felsküste und zerschmolzen in der Sommersonne. Eltern hatten Urlaub zum Stricken, Streiten, Stiefeln. Erziehung hatte Urlaub .Das war unsere Zeit. S war auch ein Sommerkind. Ich erinnere mich, wie wild sie gewesen war mit sieben, mit zehn, mit vierzehn, klug, stark, lustig. Ich wusste nichts von ihrer Winterseite.

 

 

Es ist kalt, die Luft trocken wie Papier, der Tag verblasst. Die Baumkronen sind blätterfrei. S ist in ihren Wald zurückgekehrt. Der Himmel reicht bin hinunter auf den Boden, wo Sonnenflecken den Trauergäste den Pfad zurück zu ihren Autos weisen. Ihre müden Schritte schlurfen durch das raschelnde Laub. Eingehakt. Geneigte Köpfe. Leise Worte. Wir Sommerkinder klappen die Mantelkragen hoch, tauschen Blicke. Wir bleiben, bis ihr Bruder die Kohle zu geschippt hat, der Buchensetzling gepflanzt ist, wir singen leise, reden über das Leben. Ein Lächeln, eine Geschichte, ein Lachen. Aus Abschied ist Wiedersehen geworden. Wir bleiben, bis die ersten Sterne durch die kahlen Äste flackern, dann schmeiße ich mein Jackett in den Kofferraum und mache auch die letzte Parklücke wieder frei. Mein Fleckchen Schmerz trage ich seither mit mir wie einen Juwel.

 

Nichts Besseres auf der Welt

Es gibt Nichts Besseres auf der Welt als einen erklommenen Berg. Es gibt nicht Besseres auf der Welt als eine reife Feige, die noch am Baum aufplatzt. Es gibt nichts Besseres als ein Sonnenstrahl am Morgen, der unerwartet durch den Rolloschlitz bricht und auch nichts Besseres als einen wiedergefundenen Freund. Es gibt nichts Besseres auf der Welt, als sich zu biegen vor Lachen, als die Zeit zu vergessen, als ein volles Konto oder ein richtig scharfes Currygericht. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als die glänzende Oberfläche eines Konzertflügels, in dem sich der Dirigent spiegelt, wie er den Taktstock hebt. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als den im letzten Moment erreichten Bus und das tiefe Rot eines Kirchenfensters. Es gibt nichts Besseres auf der Welt als der Geruch von feuchtem Pappellaub. Ja, wirklich! Es gibt nichts Besseres als den Traum von einer Reise in ein fernes Land mit kompliziertem Namen, als eine spannende Geschichte, die einen vom Einschlafen abhält oder als eine riesiege Tasse goldenen Jasmintees. Es gibt Nichts Besseres auf der Welt als ein tosender Wasserfall und frisch geschnittene Fingernägel, ein großes P und ein kleines y.

Esgibtnichtsbesseresalshöhenangstzuüberwinden

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Es gibt nichts Besseres auf der Welt.

Es gibt nichts Wesseres auf der Belt.

Es nibt gichts Sewwere lauf wer delbt.

Ges sibt bichts Gebberes wauf ler Gelbt.

Es.

Gibt.

Nicht.

Besseres.

Auf.

Der.

Welt.

Als.

Die.

Welt.

Der Nachbar

Mein Opa heißt Daddy, der kann chinesisch und schnarcht beim Mittagsschlaf, und ich habe einen zweiten Opa, der wohnt in der Schweiz und darum nennen wir ihn den Schweizer Opa. Ich war noch nie in der Schweiz und kenne den Schweizer Opa nicht. Er hat mal ein Paket geschickt mit Schokolade und Spielsachen und hat versprochen, dass er herkommt und uns besucht. Die Spielsachen in dem Paket waren aus Plastik. Wir haben sie ausgepackt, gestaunt und sie danach nie wieder in die Hand genommen. Die Schokolade war schwarz und so bitter, wie Brikett. Mir tun die Kinder leid, die das essen müssen. Papa sagt, es sei eine Delikatesse. Es muss schrecklich sein in der Schweiz.

Tante Theka sagt, dass der Schweizer Opa in der Schweiz bleiben soll. Sie sagt das mit so einem Ton in der Stimme, als hätte sie gerade von der bitteren Schokolade abgebissen und wolle sich nicht anmerken lassen, dass der Kohlegeschmack ihr den Mund zusammen zieht, und Papa findet, dass Opa es nicht verdient hat, dass sie so über ihn spricht und dann stellt sich raus, dass Papa den Schweizer Opa selbst gar nicht kennt, obwohl das doch sein Vater ist. Und deshalb findet Tante Thekla auch, dass er gut reden hat. Ich habe lange darauf gewartet, dass der Schweizer Opa uns besucht, bis ich es irgendwann  vergessen hatte. Die Schokolade haben Papa und Mama alleine gegessen, nur meine Schwester Eva hat einmal ein Stück davon abgebissen und „Hm, lecker“ gesagt und so mit der Zunge geschnalzt, als gäbe es nicht Besseres auf der Welt, obwohl ich ihr genau angesehen habe, dass sie die Schokolade eklig fand, aber das wollte sie nicht zugeben, wegen dem Opa. Sie mag es nicht, wenn jemand wegen ihr traurig ist. Und dann, eines Tages ist der Schweizer Opa doch gekommen und keiner hat es vorher gewusst.

Es war an so einem ganz normalen Tag, als ich dahinter gekommen bin, dass er da war, einem Tag mit Schule und Busfahren und Hausaufgaben und so. Wir drei Kinder gingen von der Bushaltestelle heim, mit einem so großen Abstand, dass niemand uns für Geschwister halten konnte. Mir knurrte der Magen und ich wollte Mama alles aus der Schule erzählen. Darum lief  ich voraus. Und ein bisschen auch, weil ich immer voraus lief. Ich komme nicht gerne zu spät, nicht zur Schule und auch nicht nach Hause, weil ich nichts verpassen will. Mein Bruder geht immer als letzter. Morgens verlässt er siebeneinhalb Minuten bevor der Bus abfährt, das Haus und erreicht die Haltestelle in dem Moment, wenn der Bus am Ende der Straße auftaucht. Dann stehe ich schon lange da, trete von einem Bein auf das andere, beobachte die Leute, die aus den Häusern kommen und in ihre Autos steigen. Es sind jeden Morgen dieselben. Auf dem Heimweg stehe ich von meinem Sitzplatz auf, sobald der Bus an der Haltestelle vor der, an der ich aussteigen will, anfährt, hangele mich während der Fahrt von einem Griffstange  zur anderen bis zur Tür und drücke den Halteknopf. Dann macht es beim Fahrer „bing“ und ein Schild an der Busdecke leuchte auf: „Wagen hält.“ Immer wieder denke ich darüber nach, wieso es wichtig ist zu wissen, dass der Wagen hält. Mein Bruder bleibt auf seinem Platz in der vorletzten Reihe sitzen, wartet den Ruck ab, der nach dem Bremsen kommt und steht erst auf, wenn die Türen offen sind. Dann steigt er mit wenigen großen Schritten aus, ganz in Ruhe und keine Sekunde zu früh. Und meine Schwester, die Mittlere von uns dreien, tut alles genau dazwischen.

Mein Ranzen war schwer an diesem ganz normalen Tag und mein rechter dicker Zeh stieß bei jedem Schritt von innen gegen den Schuh. Aber das behielt ich für mich, sonst hätte ich die abgelegten Schuhe meiner Schwester bekommen und die waren echt hässlich. Von hinten hörte ich den Motor eines Autos. Ich hüpfte an den Straßenrand, um Platz zu machen und schaute dem Auto entgegen. Ein Auto, eckig wie ein Schuhkarton. Beige. Sah ziemlich neu aus und teuer. Es fuhr langsam neben meinem Bruder her. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter und sprach mit ihm. Martin schüttelte den Kopf und ging weiter. Der Wagen rollte bis auf die Höhe meiner Schwester. Auch mit ihr wechselte der Fahrer ein paar Worte. Sie hörte zu, kratzte sich am Knie und schüttelte etwas zaghafter den Kopf, als Martin. Dann kam das Auto dahin, wo ich stand. Der Mann bremste neben mir, winkte mich heran und sagte „Hallo“ durch das Beifahrerfenster. Aus dem Auto roch es nach Leder. 

„Die Kirschen in meinem Garten sind reif. Komm doch mal vorbei. Du kannst so viele pflücken, wie du willst.“, sagte der Mann,  als wären wir jedes Jahr zur Kirschenzeit verabredet. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn schon mal gesehen zu haben. Und seinen Kirschbaum kannte ich auch nicht. Er sagte, er hieße Herr Schweizer und wohne in den Sackgasse ganz hinten in dem Haus mit der Holzveranda, das müsse ich doch wissen und ich solle ihm ruhig ein Küssenchen auf die Wange geben und da wusste ich: Er war mein Schweizer Opa, denn nur Verwandte wollen geküsst werden, Tanten, Onkels und Großcousins, ob sie faltig sind oder unangenehm riechen. Aber dieser Opa roch gut, nach Blumenstrauß und Bohnerwachs, er war ganz glatt im Gesicht, nicht haarig wie Papa und er hatte sein Versprechen wahr gemacht und war hergekommen.  Ja, gleich nach dem Essen wollte ich zu ihm rüber gehen und Kirschen pflücken, nur küssen wollte ich ihn nicht noch mal. Dann hüpfte ich nach Hause.

„Mama, Mama, Opa hat mich zum Kirschen essen eingeladen!“, rief ich und ließ den Ranzen fallen. Mama bückte sich, hängte meine Jacke an den Haken, fädelte meinen Schnürsenkel wieder ein, dann sah sie mich an, als hätte ich in einer Sprache mit ihr gesprochen, von der sie nur die einzelnen Wörter verstand, nicht aber den ganzen Sinn. Sie fragte nach dem Namen und wo denn dieser Opa wohnt. Ich erzählte ihr von dem schuhkartonigen Auto, davon dass der Mann auch Martin und Eva gefragt hatte, ob sie Kirschen wollten, aber die hatten wohl keine Lust. Vielleicht waren sie noch sauer wegen der Schokolade oder dem Plastikkram. Mein Bruder sah mich kopfschüttelnd an und ließ mich zur kleinsten und dümmsten Kreatur in der ganzen Straße schrumpfen.  „DASWARNICHTUNSEROPA!“, sagte er und spuckte die Worte aus, als habe er den Mund voll ranziger Haselnüsse. Mama atmete durch, legte ihre Hand  auf meine Schulter und sagte: „Die Kirschen in unserem Garten sind viel, viel leckerer!“ Und dann haben wir eine Leiter geholt und so viele Kirschen gegessen, bis wir Bauchweh hatten. 

Warmes Blut

Sie war allein zu Hause, als es mit ihr zu Ende ging. Allein mit dem Baby. Seit der Geburt der Kleinen war in ihrem Leben nichts mehr wie vorher. Sie war übermüdet. Ihre Augen brannten von den durchwachten Nächten und vom Weinen. Unangekündigt brach es aus ihr heraus und verwandelten einen sonnigen Tag in eine graue, diffuse Masse. Schlaf und Wach waren nicht mehr an ihrem Platz, der Hunger kam, wann er wollte und ging in einen brennenden Durst über, ließ sich nicht löschen, nicht mit Wasser, nicht mit Stilltee oder milchförderndem Malzbier. Ihr war kalt, dann wieder lief ihr der Schweiß den Rücken hinunter, wie einem Maschinist im Motorraum eines Frachtschiffes. Ungefragt glotzte der verschwenderische Garten durch das Fenster hinein, aufdringlich das Rot der Gladiolen, schreiend das Gelb der Lilien, bis sie die Vorhänge zuzog.

 

Und über alledem lag das Schreien des Babys. Auch nach vier Wochen brachte es sie noch aus der Fassung. Sie fühlte ihre Nervenbahnen wie stromführende Metalldrähte, die außen an ihrem Körper verliefen. Sie mochte sich selbst nicht riechen, nach vermoderndem Waldboden, nach Leben und Leiche, körperlich, inwendig. Die wulstige Narbe scheuert bei jedem Schritt am Hosenstoff und sonderte ein gelbliches Sekret ab, dickflüssig wie weiches Wachs. Hier hatte man das Baby im letzten Moment herausgeholt, ehe es sich selbst stranguliert hätte.

 

Wären da nicht diese Kulleraugen gewesen, diese winzigen Fingerchen mit den feinen Linien, so hätte sie alles hingeschmissen, vielleicht sogar sich selbst. Aber da waren Zehennägel, kaum größer als Linsen. Der Geruch frisch gebackener Brötchen entströmte der Fontanelle ihrer Tochter und umgab den Säugling mit heiliger Unschuld. „Ich muss jetzt glücklich sein!“, hämmerte es in ihrem Kopf. Und dann kam das Blut. Viel Blut.

 

Aus ihrem Unterleib quoll es hervor, lief warm die Innenseiten ihrer Beine hinunter und hinterließ einen dunkelroten, tellergroßen Fleck auf dem hellen Sofa. Sie lief aus wie eine geschächtete Ziege. Ihr Körper stülpte sich nach außen. Mit einer Hand griff sie den Säugling, mit der anderen versuchte sie aufzuhalten, was durch den Stoff ihrer Jeans sickerte und stakste mit zusammengekniffenen Knien ins Bad. Sie bettete den Säugling auf den dicken Teppich neben der Badewanne, wo er sicher lang. Da würde man in finden. Da konnte ihm nichts zustoßen, wenn es gleich mit ihr zu Ende ging. In der weißen Badewanne bildete sich ein dunkelroter See, ein blutiger Bach rann in den Abfluss.

 

„Ich verblute.“, sagte sie ihrem Mann am Telefon. Dann ging alles ganz schnell. Der Nachbar fing den Krankenwagen an der Straße ab, zeigt den Sanitäter den Weg ins Bad. Dann war ihr Mann da, nahm das Baby. Auf dem Weg ins Krankenhaus blinkten die Hauswänden in blauem Licht. Als sie aus der Narkose erwachte, sagte ihr Mann „Sie hatten ein Stück Placenta drin gelassen.“, strich ihr das Haar aus dem Gesicht und legt ihr das Baby auf den Bauch. Sie war wieder allein in ihrem Körper. Die Schwangerschaft war zu Ende gegangen und sie war am Leben. Am Leben mit dem Baby.