Stottern

Mein Sohn ist davon überzeugt, dass er bereits jetzt, mit neun Jahren, besser einparken kann als ich. Schließlich übt er es auf Papas Handy per App. Und schalten und steuern kann er auch schon. Ich hatte in seinem Alter keinen blassen Schimmer davon, wie man ein Fahrzeug fortbewegt, mal abgesehen von Puppenwagen, Rollbrettern und Fahrrädern. Autofahren bedeutet für mich: ich saß zwischen meinen Geschwistern eingezwängt auf der Rückbank und wurde, ja nach Kurvenrichtung, mal gegen den einen, mal gegen den anderen geworfen, angemault und zurückgeschubst. Ich beneidete Martin und Eva darum, dass sie ihre Nasen an den kalten Scheiben plattdrücken konnten, während ich nur zwischen den Schultern meiner Eltern hindurch durch die Frontscheibe starren konnte. Wann würden die Scheibenwischer endlich diese eine Stelle erreichen, die sie immer aussparten, fragte ich mich bei jedem Regen.

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Hereingeplatzt

Es ist Juli, halb neun Uhr morgens und die Temperaturen knapp unter dreißig Grad. Im Physiksaal ist es mucksmäuschenstill. In der vorderen Reihe ist schon jemand wach und lauscht Herr Wielands Ausführungen davon, was die Welt im Inneren zusammenhält. Der Typ rechts daneben blättert unter dem Tisch in einer Modellbauzeitschrift. Segelschiffe. Dreimaster. Ein Mädchen in der Fensterreihe malt bunte Kringel in ihren Schülerkalender. Herr Wieland hat einen Versuch aufgebaut. Eine elektrische Töpferscheibe surrt leise und stottert bei jeder dritten Umdrehung, als kündigte sie ihr baldiges Ende an. Ein Tonklumpen trudelt um sich selbst und verformt sich zu einem namenlosen Gebilde, zieht sich in die Breite, eiert und fällt zu Boden. Hinter Wielands verwildertem Bart steigert sich die Begeisterung über die Phänomene der Naturgesetze. Er lacht über das Zusammenspiel von Schwer- und Fliehkraft und kratzt referierend mit einem verbogenen Esslöffel den Ton vom Boden. Vorne wird milde mitgelacht. In den hinteren Bankreihen wird geschlafen. Wielands spinnenlangen Finger tasten sich durch das Gewirr seiner struppigen Gesichtsbehaarung und bekratzen die Haut an seinem Kinn. Kopf und Hände ragen aus einem weinroten Pulli. Echte Schafswolle. Schuppen rieseln auf das Pult vor ihm. Wieland kritzelt Zahlen und Buchstaben mit kreischender Kreide an die Tafel, die in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Tonklumpen stehen sollen. Ein Gemisch aus Deo, Zigaretten und den Ausdünstungen Heranwachsender diffundiert durch die müden Körper der Schüler.

 

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Kokett

„Die können mich ja sehen!“, stellte ich voller Überraschung fest, als mich das Mädchen neben mir am Ende der ersten Schulwoche fragte, wie ich heiße. Was für ein Schreck!

„Die können mich nicht nur sehen, die haben auch eine Meinung darüber, ob ihnen gefällt, was sie sehen!“, erweiterte ich meine Erfahrung ein paar Jahre später. Das war zu der Zeit, als mein Spiegelbild anfing, mich so komisch anzugucken, so als habe es mich vorher noch nie gesehen, sich über mich lustig machte und mir androhte, mir die Freundschaft aufzukündigen, wenn ich nicht ein bisschen mehr aus mir machte.

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Anführerin

Drehfertig machen!“, tönt es durch das Headset direkt in mein Gehirn. Leichter gesagt, als getan, wenn keiner auf die Setaufnahmeleiterin hört. „Verstanden!“, gebe ich zurück. Es knackt und raschelt im Funk, piepen, dann Stille. Jetzt ist es an mir, das Team aus dem Wartemodus wieder ans Arbeiten zu kriegen. Ich stecke den Kopf in das Maskenmobil, um Darsteller Pierre ans Set zu bitten. Wie immer, komme ich gerade ungelegen. Die Maskenbildnerin scheucht mich davon, wie eine lästige Stechmücke. Ihre Hände schweben über Pierres Haupt, seine Augen sind geschlossen. Es riecht nach Patchuli. Seit der letzten Szene hat sich die Maskenbildnerin vom schmolllippigen Babydoll auf ein Goa-Blumenmädchen mit Klebe-Bindie zwischen den Augen umgestylt. „Nicht jetzt!“, zischt sie mich an. Ich ziehe die Tür leise zu. „Pierre kommt!“, funke ich zurück und vernehme, wie hinter der Tür eine Klangschale angeschlagen wird.

 

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Großtante

„Das ist nicht meine Oma! Das ist meine Großtante“, fauchte ich den Mann an der Hotelrezeption an, der mir einen Lolli entgegenstreckte. Wie mir das auf die Nerven ging! Egal, wohin wir gingen, ins Restaurant, ins Hotel, ob der Eisenbahnschaffner unserer Fahrscheine kontrollierte, ob wir ein Museum besuchten oder uns beim Zuckerbäcker mit Naschzeug eindeckten, alle hielten Thekla für meine Oma und mich für ihren süßen Enkelsohn, dem man einen Lutscher schenkten oder über den Kopf streichen durfte. Gegen das erste hatte ich nichts. Dass man mich für einen Jungen hielt, daran hatte ich mich gewöhnt und ich fand es nur gerecht, dass mein Bruder, der den gleichen Topfschnitt trug wie ich, ständig für ein Mädchen gehalten wurde. Aber Haare wuscheln war mir zuwider. Und dass man Thekla für meine Oma hielt, war einfach ungeheuerlich!

 

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Tiefenschärfe

Fotografieren ist mir lästig, aber es gab Zeiten, da hätte ich Fotos gut gebrauchen können, da hätte ich mich gerne an die Gesichter der coolen Jungs aus der Ferienfreizeit erinnert, hätte gerne den lässigen Look der Mädchen auf dem italienischen Campingplatz kopiert, wofür eine fotografische Vorlage von Vorteil gewesen wäre; ich hätte gerne Bilder gehabt, aus der Zeit, als ich das erste Mal vor Verliebtheit über meinen eigenen Herzschlag stolperte. All diese Fotos hätte ich gerne an meine Pinnwand geheftet. Aber ich besaß nicht das passende Equipment, um solche Bilder zu erschaffen. Ein Teenie heute kann sich das nicht vorstellen.

 

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Benebelt vor Glück

Berge und Kühe und Dirndl, nackte Füße im eiskalten Bach, blau-weißer Himmel und Gamsböcke, das macht einen ja ganz verrückt, wenn man verliebt ist!

 

Zwischen zwei Semestern klaubten wir ein paar Kröten zusammen, mein damaliger Freund und ich, der mit dem Vornamen, der sich anhörte wie ein kratziges Geräusch und mit dem Nachnamen, der klang wie Harfenmusik. Wir wollten eine Reise machen, in die Berge, dahin wo es so schaurig romantisch ist, wenn man verliebt ist.

Mit dem Fiat Panda seiner Mutter rollten wir in Köln West auf die Autobahn. Als es bei Bingen das erstmal leicht bergauf ging, träumte ich schon von blühenden Bergwiesen auf der Alm, von Kuhglockengebimmel und deftigen Wurstplatten zum eisgekühlten Weizenbier im Schatten mächtiger Kastanien. Die Lastwagen überholten uns hupend und fauchend auf der linken Spur, die Fahrer tippten sich mit den Fingern an die Stirn, die Verkleidung der Beifahrertür rappelte bedrohlich, wie eine leere Schubkarre, die von einem Schlagloch zum nächsten hüpft. Der Scheibenwischer hetzte von einer Seite zur anderen und wurde mit seiner Arbeit nicht fertig.

 

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Mütterlicher Wutanfall

Frau Reineke hatte gern alles unter Kontrolle. Sie mochte es, wenn Mädchen fleißig waren und gekämmte Haare hatten. Sie mochte es, wenn die Tische und Stühle ordentlich in einer Reihe standen und sie mochte es, wenn Jungs sich bei schwierigen Rechenaufgaben meldeten. Doch egal wie eifrig diese mit den Fingern schnipsten, Frau Reineke rief immer nur Mädchen auf. Auch mich. Bis eines Tages alles außer Kontrolle geriet.

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Schwören

„Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst und übe, dem Knaben gleich, der Disteln köpft an Eichen dich und Bergeshöhn...“ Der Anfang sitzt perfekt. Aber immer wieder bleibe ich an der gleichen Stelle hängen. Ich verheddere mich hoffnungslos in eine Endlosschleife goethischer Worte, während ich Blumentöpfe rücke. Von einem Topf-an-Topf-Verbund müssen die Plastiktöpfe auf einen 10er Abstand auseinandergezogen werden. Gehirnaktivität hierfür nicht erforderlich. Standby. Die Handgriffe laufen automatisch. Jeden Moment schaltet sich das Gehirn ab. Wenn ich nicht zu einer verblödeten Maschine mutieren will, muss ich auf gespeicherte Daten zurückgreift, denn neuer Input ist nicht zu erwarten: auf Gedichte und aus der Schulzeit, Unwetterszenarien längst vergangenen Urlaube und den Geruch von verbrannten Weihnachtsplätzchen, begleitet von mütterlichem Wutausbrüchen. Während meine Hände gehorsam die Töpfe verschieben, purzeln die Bilder meiner Erinnerungen durcheinander wie junge Kaninchen beim ersten Ausflug auf den Acker.

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Unerwünschte Geräusche

Es war zu jener Zeit, kurz nachdem die Dinosaurier von unserer Erde verschwunden waren, weil sie zu groß, zu massig waren, zu unhandlich, um dauerhaft zu überleben, zu jener Zeit war es, als ich dich getroffen habe.

 

 

Angefangen hatte alles mit einem sintflutartigen Regen. Das Wasser platschte auf die Stadt herunter, entschlossen, alles und jeden nass zu machen, stürzte sich von den Dächern, sprudelte aus der Kanalisation und floss die Straßen herunter. Und ich mit meinem roten Dreigangrand mitten drin. Die Gischt der vorbeifahrenden Autos übergoss mich, bis ich aussah, als sei ich geradewegs aus der überschäumenden Kanalisation emporgeschwemmt worden.

 

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Gute Idee

Die Zeit verging schneller, als mir recht war. Die Autobahn Richtung Norden war frei und meine Mitfahrerinnen, angetrieben von den Erlebnissen und Eindrücken des Wochenendes, füllten den Innenraum des Wagens mit Geplapper, wie die Pumpe das Aquarium mit Luftbläschen. Ich wollte noch nicht nach Hause. Ich hatte noch nicht alles erledigt.

 

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Warten

Ich habe darauf gewartet, gezeugt zu werden, in Mamas Bauch heranzureifen und zur Welt zu kommen. Ich habe darauf gewartet, wie meine großen Geschwister, in den Kindergarten zu gehen und eingeschult zu werden. Ich habe auf  das Christkind, den Weihnachtsmann, den Osterhase, auf den Nikolaus und den Bösen Wolf gleichzeitig gewartet und nach meinem Geburtstag hab ich auf den nächsten Geburtstag gewartet. Ich habe darauf gewartet, volljährig zu werden, Auto zu fahren und aus alten Mustern auszubrechen. Mit Bangen habe ich auf meine Abiturnote gewartet und bestanden.

 

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Unter vier Augen

Vielleicht hätte ich mir niemals diese Kopfschmerzen einfallen lassen sollen. Am Anfang tat es tatsächlich weh, vielleicht der Kopf, vielleicht war es auch Aufregung,  war es Hunger, war es der Wunsch, irgendwas Spannendes möge sich ereignen, damit endlich diese blöde Langeweile aufhörte. Ich hätte mir genauso gut Halsschmerzen, Schwindelattacken, rote Pusteln oder Schluckauf ausdenken können, aber mit den Kopfschmerzen hatte es einfach am besten geklappt.

 

Nachdem ich genug Kopfschmerzen zusammen gebracht hatte, ereignete sich tatsächlich etwas: meine Mutter ging mit mir zum Augenarzt.

 

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Ein Glas Rotwein

Es war kein Rotwein. Es war Kir Royal, der mir meinen ersten Schwips verpasste. Und es war 1984, die Zeit von Nena, Karottenhosen und Stufenschnitt. Meine Freundin Jotz wurde konfirmiert und ich war eingeladen, obwohl ich katholisch war. Aber das spielte 1984 keine Rolle.

 

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Schlafzimmer

Es gibt Wesen, mit denen teile ich gerne mein Schlafzimmer: meine Kinder, besondere Freunde, die nach einem Glas Rotwein spontan über Nacht bleiben, Sandmänner, Elfen, Feen, Hausspinnen und mein Ehemann. Und es gibt Wesen, mit denen vermeide ich es nach Möglichkeit, mein Schlafzimmer zu teilen: Spitzmäuse mit ihrem beißenden Geruch, der mich glauben lässt, ein Puma hause unter meinem Bett, Stechfliegen und andere Blutsauger. Und Dobermänner.

 

Zu jedem Zeitpunkt meines Lebens hätte ich auf die Frage, ob ich mein Schlafzimmer mit einem Dobermann zu teilen bereit wäre, mit „Nein“ beantwortet. Und dazu hätte es keinen Beweis gebraucht. Dieser Sache war ich mir absolut sicher. Trotzdem hat das Universum mir dieses Erlebnis geliefert und ich befürchte, ich habe daraus nicht die Lektion gelernt, die mir von oben aufgetragen worden war.

 

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Fünfzig Euro

Es gibt so viele Geschichten, die mit Geld zu tun haben, dass es unmöglich ist, sie alle zu erzählen, aber diese Geschichte hier, hat sich tatsächlich nicht ereignet, was für mich Grund genug ist, sie endlich einmal aufzuschreiben.

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Suchte nach dem, was kein Mensch jemals fand

Wer suchet, der findet! Von wegen! Selbst wenn die Richtigkeit dieses Sprichworts sich hin und wieder bestätigt, heißt es noch lange nicht, dass es wahr ist. Suchen und Finden verhalten sich nicht zwingend zueinander wie der Schalter zur Lampe. Es gibt Menschen, die halten sich einfach nicht an dieses Sprichwort. Die finden Geld auf der Straße, obwohl sie schon genug davon haben, aus einem Meer von Kleeblättern sticht ihnen das einzige Vierblättrige ins Auge, dabei haben sie weder danach gesucht, noch mangelt es ihnen an Glück. Wie oft, meine Lieben, sucht Ihr alle Ecken des Hauses nach der Lesebrille ab, die ihr doch gerade noch auf der Nasen hattet? Tagtäglich tauchen Frauen in bodenlose dunkle Handtaschen ab auf der Pirsch nach Kugelschreiber, Lippgloss und Einkaufwagenmarken und wir können froh sein, wenn sie daraus wieder auftauchen. Ohne Ergebnis. Nur weil wir suchen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch finden. Ich habe dafür meine eigene Erklärung und die Quantenphysiker stimmen mir zu.

 

 

 

Das Ergebnis eines Experiments hängt von dessen Beobachter ab, besagt die Wissenschaft.

 

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Epos- Ein Heldengedicht

Sage mir, Muse, die Taten der tausendhändigen Frau,

 

Welche so viel geirrt, auf der Suche nach sich,

 

Viele Arten Berufe gelernt und Arbeit getan,

 

Und in der Stadt der drei Könige so viele Häuser bewohnt,

 

Auch in der Stadt mit der schwebenden Bahn,

 

Ihre Berufung zu finden und Familie zu gründen.

 

 

 

 

Aber die Freude rettet sie nicht, wie eifrig sie strebte,

 

Denn sie bereitete selbst durch Grübeln die Pein:

 

Närrin! Welche die Herrschaft der hohen Vernunft

 

Anbetete! Siehe, das Herz zeigte ihr jeden Tag die Zurükkunft,

 

Sage hiervon auch uns ein weniges, Schwester aus Osten.

 

Alle die andren, soviel dem verderbenden Schicksal entflohen,

 

Horchten dem Herz, statt dem Denken und Zweifeln:

 

Sie  allein, die so herzlich zum Ruf und Glücke sich sehnte,

 

Hielt die unsterbliche Logik, die hehre Göttin des Geistes,

 

Im gewundenen Schädelorgan lebendig und wünsche sich sie zur Gesellin.

 

Selbst da die Jahre verflogen im kreisenden Lauf der Zeiten,

 

War ihr bestimmt statt Karriere, gen Familie wiederzukehren,

 

Den Verstand, widerstreitend, gegen das Herz zu vertauschen.

 

 

 


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Mathematik

Was hat Gilgamesch mit Analysis zu tun und in welcher Verbindung steht Bertold Brecht mit den Winkelfunktionen Tangens und Cosinus? Diese Frage beantwortete sich mir an einem Tag im Mai 1989 auf wunderliche Weise, obwohl ich sie nicht gestellt hatte. Bertold Brecht stellte hierbei die geringste Überraschung dar, denn es war der Tag meiner mündlichen Abiturprüfung im Fach Deutsch. Ich war vorbereitet, hatte mein Kurzzeitgedächtnis noch mal mit literarischem Wissen vollgeballert und erreichte mit einer bebenden Grundfrequenz im Körper die Schule, die mir langsam zu klein geworden war.

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Campingplatz

Urlaub für immer! Was für ein Traum! Campingplatz statt Reihenhaus, Weitblick statt Lesebrille, Freiheit statt Bausparvertrag. Einmal ein Leben führen, wie meine Freundinnen! So wie Pia. Sie lebt in einem Wohnmobil, zitronengelb mit Solarpanel und Wimpelkette am Rückfenster. Oder so wie Leonie. Sie hat das Leben auf dem Bauwagenplatz eingetauscht gegen die Sesshaftigkeit, aber ihr umgebauter Paketwagen steht immer abfahrbereit vor der Haustür, oder wie Ronja. Ronja rollt, wann immer es ihr behagt, mit ihrem himmelblauen VW-Bus los, Surfbrett und Sonnenbrille dabei, sucht einen schönen Strand mit den besten Leuten und den allerbesten Wellen.

 

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Wo darf ich sitzen?

„Wo darf ich sitzen?“, frage ich Florence mit meinem stockenden Französisch, stehe verlegen im Flur herum. Klappernde Teller, dampfende Schüsseln und Töpfe mit duftendem Inhalt schweben an mir vorbei Richtung Esstisch. Helfen strengstens untersagt, denn ich bin der Gast hier, flöten die beiden eifrigen Damen des Hauses. In dem Augenblick weiß ich noch nicht, dass es für mich die Hölle sein wird, in diesem südfranzösischen Reihenhaus den Status eines Gastes inne zu haben, in einem Haus, das so gar nichts von dem hat, was mich an Südfrankreich denken lässt, an warme Abende, Rotwein und den Duft von Lavendel und Pinien. Ich befinde mich mitten in dieser amerikanisch anmutenden Siedlung, in einem Haus, das sich unter seinesgleichen für individuell hält, Gitter vor den Fenstern, von Rasen eingerahmte Fußwege, die keiner benutzt. Ich bin hier, um fürs Leben zu lernen, erinnere ich mich, genauer gesagt, fürs Abitur, ganz genau gesagt für meinen Französischlehrer, damit dieser sich nicht aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzt, wenn er miterleben muss, wie ich mich durch die mündliche Französischprüfung mogle. Sie haben es verdient, dass ich mein Beste gebe, cher Monsieur Hack.

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Abendbrot

„Zum Abendessen bist du zu Hause“, erinnert mich meine Mutter, als ich eilig in die Schuhe schlüpfe, raus, nur raus will, spielen mit anderen Kindern, die endlich mit ihren Hausaufgaben fertig sind und schon auf der Straße lachen; zum Abendessen zu Hause sein, die einzige Regel, die wir beachten sollen, keine Fahrradhelme, keine Schuhe, die nicht naß werden dürfen, keine ermahnenden Worte, haltet euch von ungezogenen Kindern, streunenden Hunden oder gefährlichen Stellen am Ufer fern, nur: zum Abendessen zu Hause sein. In wessen zu Hause ist damit nicht gesagt.

 

Ich esse gerne bei anderen Abendbrot, wo es anders aussieht, anders riecht und anders schmeckt, saftiges Brot von einem Bäcker, der anders ist, als der, wo wir unser Brot kaufen, Wurst mit Pfefferrand, der Käse mit Löchern statt mit Blauschimmel, roter Tee aus Glaskaraffen, nicht der bittere schwarze aus der Messingkanne, andere Gespräche, andere Leute und andere Regeln.

 


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Erinnerungen in einem Satz (2)

Im Kinderladen haben wir jeden Tag Früchtetee mit sehr viel Zucker getrunken.

Als meine Schwester in Venedig ihren roten Frotteehund Fridolin verloren hat, hab ich ihr ein rotes Kissen in die Hand gedrückt und gesagt, Fridolin hat sich verwandelt, seitdem hat sie das Kissen nie wieder aus der Hand gelegt.

Nach dem Umzug nach Ladenburg ist mein Plüschaffe Tschudi nie wieder aufgetaucht, worüber ich heute noch traurig bin.


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Erinnerungen in einem Satz

Im Kindergartenalter hatte ich zwei gehäkelte Latzhosen, eine in Brauntönen, eine in Grüntönen.

 

Bei Silkes Beerdigung war der Wald voll Förster.

Erwachsene waren früher größer.

Nach einer Impfung tut einem der Arm weh.


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Auge

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Kennen lernen

„Ruf den Gundel an!“, rate ich Sandra, als ihr Telefon faucht und knackt. „Der bringt das Ding in Ordnung. Außerdem ist er der schönste Mann im Haus.“ Wir kichern ein bisschen. Dann ruft sie ihn an. Der Gundel kommt und ich staune, wie Recht ich hatte. Der Gundel ist wirklich der schönste Mann im Haus. Er ist groß, der Gundel. Nicht wie ein Türrahmen, eher wie eine Leuchturm. Er taucht unter, krabbelt auf dem Boden entlang, zieht ein Kabel unter unseren Schreibtischen hindurch. Wir grinsen oberhalb der Schreibtischlinie. Er taucht wieder auf, drückt die Tasten auf dem Apparat. Fertig. Kein Knacken mehr, kein Fauchen. Die Leitung ist frei. Amüsiert blickt er mit seinen glänzenden Augen aus den Tiefen seines Gesichts Sandra an und mich und denkt sich seinen Teil.

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Rennen

Ich bin keine Sportlerin, hab mich nie für sportlich gehalten, obwohl ich im Schulsport nicht zu den Bankhockerinnen gehörte und auch nicht zu denen, die als letztes in die Mannschaften gewählt wurden, was wohl mehr meiner mittleren Beliebtheit zu verdanken war, als meinem Ballgeschick. Aber ich wäre ein seltsames Kind gewesen, wenn ich mich nicht gerne auf natürliche Weise bewegt hätte, wenn ich nicht dann und wann einfach aus schierer Lebenslust gerannt wäre. Im Grund hielt ich mich sogar für eine schnelle Läuferin, einfach weil rennen so schön war. Auch wenn ich schon sehr bald auf dem Schuhof von denjenigen Mädchen überholt wurde, die lange Beine hatten, habe ich dadurch die Lust am schnellen Laufen nicht verloren. Und dazu bräuchte ich nicht mal einen besonderen Grund. Rennen macht einfach Spaß! Es fühlt sich großartig an, wenn man mal so richtig los düst, rausholt, was in einem steckt, so schnell es geht, wenn die Lunge durchgelumpt wird, einem der Wind in den Ohren pfeift und man beinahe abhebt.

 

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Gummistiefel

Ein Gummistiefel ist nicht bloß eine Plastikschuh. Ein Gummistiefel ist ein Teil, an dem unendlich viele Erinnerungen hängen können. Bei zahllosen Erlebnissen steckten meine beiden Füße in diesen bunten Plastikschuhe. Zeit, um mal einen kurzen Blick auf das kinderfreundliche Schuhwerk zu werfen.

Ich erinnere mich, als ich ein Kind war, verfügte praktisch jede Familie über eine Sammlung Gummistefeln in allen erforderlichen Kindergrößen. Das gehörte zur Grundausstattung. Die Stiefel unterschieden sich damals wenig voneinander. Nur manche verfügten über einen textilen Beinabschluss, durch den man das Eindringen von Wasser von oben verhindern wollte. Aber meistens war das Teil abgerissen oder es fehlte die erforderliche Kordel, um den Bund zu schließen. Damit war das Ding nutzlos. Der normale Gummistiefel verzichtete von vornherein auf diese unpraktikable Finesse. Ich trug eine Gummistiefel genauso zu Shorts, wie zu Strumpfhose und Kleidchen und gerne auch zum Schlafanzug. Es störte mich nicht, wenn ich beim schnellen Stiefelschlüpfen den rechten mit dem linken Schuh vertauschte und so die Stiefel nach außen, statt nach innen schielten. Ich war verliebt in meine Gummistiefel und manchmal ließ ich sie sogar heimlich im Bett an. Aber es war nicht diese Art von Verliebtheit, wie ich sie bei den kleinen Mädchen heute beobachte, deren Gummistiefel bunt sind, wie eine Tüte Gemischtes, niedliche Froschaugen haben oder in deren transparentem Material tausend kleine Glitzersterchen schweben. Kein Wunder, dass diese Mädchen sich von Pfützen fern halten. Aber so waren unsere Gummistefel damals nicht. Sie waren rot, gelb, aber meistens grün. Sie glänzten nur, wenn sie neu waren. Aber das waren sie nicht! Ich war wohl eher verliebt darin, wie ich mit ihnen durch den Tag stapfen konnte, so gänzlich unerschrocken.

Gummistiefel sind einfach an- und auszuziehen. Das war früher so. Das ist heute so. Und sie sind absolut wasserdicht ist. Nicht nur von außen!

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Schlafen

Ich schlafe gerne. Licht aus, Augen zu, eingeschlafen. So geht das bei mir. Meistens jedenfalls. Natürlich gibt es auch Nächte, in denen ich mich von einer Seite auf die andere wälze und den Morgen herbeisehne, nur damit diese quälende Unruhe ein Ende hat, beispielsweise wenn am nächsten Tag auf keinen Fall den Überblick verlieren darf. Dann bemühe ich mich, im Schlaf nichts zu vergessen. Und schon hält sich die ersehnte Nachtruhe von mir fern, wie die Kuh vom Elektrozaun. Also greife ich, sobald ich mir eingestanden habe, dass es mit dem Einschlafen heute nicht klappen will, zu Zettel und Papier und schreibe auf, was mir durch den Kopf geht. Raus aus dem Kopf, drauf aufs Papier. Ruhe in der Kiste. Hilf meistens. Aber manchmal passiert auch das: kaum ist das Wichtigste niedergekritzelt, so kreisen meine Gedanken darum, dass ich auf keinen Fall den Zettel vergessen darf. Noch ist es nicht so weit gekommen, dass ich für diesen Fall einen weitere Zettel anfertige, um mich an den ursprünglichen Zettel zu erinnern, und noch einen weiteren, um mich an den ersten weiteren zu erinnern, der mich man den ursprünglichen Zettel erinnern soll...  bis der Weg vom Bett zum Tisch mit bunten Heftnotizen gepflastert ist. Die Sorge, ich könnte den Zettel vergessen oder nicht wieder finden, ist im Übrigen völlig unnötig. Ich weiß im Augenblick des Aufwachens ganz genau, wo der Wisch liegt und was darauf steht. Und auch bei jeder nächtlichen Umdrehung auf der Matratze hätte ich auswendig runterbeten können, was ich zuvor zur geistigen Entlastung aufgeschrieben haben: Ladegerät, Zahnbürsten für alle, Schlafanzüge, Reiseunterlagen, der Nachbarin den Schlüssel geben, Mircos blaue Gummistiefel. Merkhilfe völlig überflüssig! Glücklicherweise passiert das vielleicht zwei Mal im Jahr. Einmal vor dem Sommerurlaub und einmal vor dem weihnachtlichen Großeinkauf für den Verwandtenbesuch. All die anderen Nächte schlafe ich einfach.

 

Aber schlafen kann man bekanntlich nicht nur nachts. Was mir beispielsweise müde Stellen ins Gesicht treibt sind Gesprächspartner, deren ausufernden Beschreibungen pittoresker Urlauborte oder des Hochzeitsbüffets irgendeiner mir unbekannten Cousine einfach nicht enden wollen. Erst versuche ich mich wirklich zu interessieren für das, was da an Schallwellen meinen Gehörgang trifft, doch wenn ich mich dabei erwische, wie ich die Maschen des Pullovers meines Gegenübers zähle, weiß ich: ich bin nicht bei der Sache. Dann ziehe ich die Schultern ein bisschen hoch, verkrampfe die Finger auf meiner Jeans. Hilft alles nichts. Der Redeschwall endet nicht. Und da wählt mein Körper, wie von selbst, den einfachsten Ausweg und wird hundemüde. Und wie sich das anfühlt, das wissen alle Eltern dieser Welt aus der Zeit, als ihre Kinder Babys waren und sich der Schlafmangel kaum noch steigern ließ. Seit meine Hormone wieder ganz normale Hochs und Tiefs produzieren und mich nicht mehr in Daueralarmbereitschaft halten, seit unsere beiden Kinder das Treppesteigen sicher beherrschen und einfach schlaftrunken zur Toilette wanken, wenn sie nachts mal müssen, weckt mich auch nächtliches Rufen aus den Kinderzimmern nicht mehr. Komischerweise hört Micha seitdem jedes noch so kleine Hüsterchen, während er zur Stillzeit ganze Schreikonzerte verpennen könnte. Manchmal denke ich, dass er mit seinem hellhörigen Schlaf bis in alle Ewigkeit dazu verdammt ist, die endlosen Nächte auszugleichen, die ich mir mit Stillen, Wickeln und Herumtragen um die Ohren geschlagen habe. Wie gut, dass die Kinder heute nachts auch vorwiegend schlafen, sonst könnte Micha bald nicht mehr aus den Augen gucken. Aber ich will hier vom Schlafen schreiben, nicht vom Nicht-Schlafen. Und zum Schlafen gehört ja auch das Träumen.

 

 

Ich hatte als Kind einen wiederkehrenden Traum, der tief blicken lässt. Es war der Traum vom kleinen, dicken, kugelrunden schwarzen Mann, dessen Gestalt sich aus dem Schattenriss eines breiten Korbstuhls in meinem Zimmer herausbildete. „Oh la la“ höre ich die Hobbypsychologen unter euch sagen, „der schwarze Mann! Symbol für sexuelle Verstrickungen mit dem archetypischen Männlichen.“ Und wenn´s so wär! Jedenfalls tat dieser Mann nichts anderes, als mich anzustarren. Beim Schlafen. Er war genauso unbeweglich wie der Korbstuhl. Und heute bin ich mir auch nicht so ganz sicher, ob ich während dieses Traumes wirklich immer geschlafen habe.

 

Vor ein paar Tagen dann mal ein gänzlich ungewöhnlicher Traum für mich, dafür umso plastischer. Surfen. Ich trudelte schwimmend auf dem weiten Meer dahin, als ich hinter mir eine Monsterwelle heranrollen sah. Kein gutes Gefühl. Mir war klar: In Panik geraten hilft jetzt nichts. Die Welle würde entweder mein Verderben oder meine Rettung. Ich schätze die Geschwindigkeit des Wasserberges ab und stieg im richtigen Moment auf das Brett- wo auch immer das plötzlich herkam. Ich vertraute mich der gigantischen Wellenwucht an. Und das war geil! Die Welle, das Brett und ich, wir verschmolzen zu einer kraftvollen Einheit und schossen gemeinsam Richtung Ufer! Es bestand keinen Augenblick die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. Sicher und energiegeladen schwappten wir gemeinsam an den Strand. Was für ein Traum! Was für ein Schlaf! Ja, ich schlafe gerne. Aber noch lieber bin ich wach. Schön wäre es, wenn ich beim Schlafen wach sein könnte, damit ich auch nichts verpasse. Oder ich buche im nächsten Urlaub einfach einen Surfkurs.

 

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Dringlichkeit

 

Wo ist sie eigentlich hingekommen, diese Dringlichkeit, die mich nicht stillsitzen ließ, die nachts von innen gegen meine Schädeldecke klopfte und mich vom Schlaf abhielt, diese Dringlichkeit mit der ich als Teenager bis unter die Haut angefüllt war?

 

Ich kann mich nicht erinnern, als Erwachsene noch mal dieses starke Gefühl unausweichlicher Mitteilungsnot erlebt zu haben. Kein Wenn, kein Aber. Jeden Morgen stand ein neuer aufregender Tag bevor, der nur dazu gemacht war, neuste Neuigkeiten auszutauschen.. Quatschen. Quatschen. Quatschen. Das schien der neue Sinn des Lebens zu sein, seitdem unserer Lust am Spiel verflogen war. Ich fühlte mich dabei herrlich vom Leben durchflutet. „Hast du schon gehört? Weißt du schon das Neuste?“ Die Musiklehrerin wurde mit dem Referendar Arm in Arm auf dem Weihnachtsmarkt gesehen! Amelie aus der Neunten hat sich die Haare abrasiert, nur um ihre spießigen Eltern zu schocken! Und Tobias idiotischer Cousin, dessen Namen sich keiner merken kann, hatte sich einen Finger gebrochen beim Versuch einen Kaugummiautomat zu knacken. Wie kann man nur so dämlich sein? Das war das Material, aus dem unsere Realität gemacht war. Nicht aus Wahrscheinlichkeitsberechnungen oder Interpunktion und schon gar nicht aus unregelmäßigen Verben.

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